Antibiotikaresistenzen – auf dem Weg ins medizinische Mittelalter? 28.12.2020 – Wenn sich beim Umgang mit Antibiotika nichts ändert, ist die weitere Ausbreitung von Infektionen mit resistenten Erregern unvermeidbar – mit unkalkulierbaren Folgen. Ein Gespräch über die Hintergründe, Handlungsdruck und mögliche Wege mit Caroline Schweizer, Medical Advisor im Bereich Antiinfektiva bei Pfizer. https://www.pharma-fakten.de/news/detail...he-mittelalter/
Antibiotika könnten Darmkrebs begünstigen Neue Studienergebnisse deuten an, dass Antibiotika insbesondere bei Personen unter 50 Jahren das Risiko für Dickdarmkrebs erhöhen können. Die auf dem Weltkongress für Krebs des Verdauungstrakts präsentierten Ergebnisse wecken Bedenken angesichts eines Anstiegs des Antibiotikaverbrauchs um 65 Prozent innerhalb von 15 Jahren. https://www.aponet.de/artikel/antibiotik...uenstigen-24454
Antibiotika-Resistenzen tödlicher als HIV und Malaria Weltweit verursachen resistente Bakterien mehr als 1,2 Millionen Tote jährlich Schleichende Seuche: Weltweit sterben inzwischen mehr Menschen durch resistente Bakterien als an HIV oder Malaria, wie eine Studie enthüllt. Allein im Jahr 2019 gingen 1,27 Millionen Todesfälle direkt auf Antibiotika-Resistenzen zurück, 4,9 Millionen weitere waren eng damit assoziiert. Früher gut mit Antibiotika behandelbare Erkrankungen wie bakterielle Lungenentzündungen, Sepsis oder Folgen der Blinddarmentzündung enden heute immer häufiger tödlich, wie das Forschungsteam im Fachmagazin „The Lancet“ berichtet.
ZitatAls das Penicillin entdeckt wurde, läutete dies eine neue Ära der Medizin ein. Einst tödliche Infektionen wurden heilbar und die Antibiotika haben seither Millionen Menschen das Leben gerettet. Doch inzwischen sind diese Waffen der Medizin stumpf geworden. Immer häufiger wirken selbst die Notfall-Antibiotika nicht mehr, weil Bakterien Resistenzen gegen sie entwickelt haben. Sie unterlaufen selbst neue Wirkstoffe – teilweise noch bevor sie breit eingesetzt werden können.
Knapp fünf Millionen Todesfälle eng mit Resistenzen verknüpft Wie dramatisch die Lage inzwischen ist, unterstreicht nun die Bilanz eines internationalen Teams um Christopher Murray von der University of Washington in Seattle. Für ihren Report haben sie Gesundheitsdaten von Krankenhäusern, Fachliteratur, Überwachungssystemen und anderen Datenquellen zu 471 Millionen Menschen aus 204 Ländern ausgewertet. Sie untersuchten Todesfälle in Verbindung mit 23 bakteriellen Krankheitserregern und 88 Kombinationen von Antibiotika und Erregern.
Das Ergebnis: Allein im Jahr 2019 sind weltweit mehr als 1,27 Millionen Menschen an den direkten Folgen einer Infektion mit resistenten Bakterien gestorben. Sie wären noch am Leben, wenn ihre Erreger nicht gegen die Antibiotika immun gewesen wären, wie Murray und seine Kollegen betonen. 4,95 Millionen weitere Todesfälle waren eng mit einer resistenten Infektion verknüpft, bei diesen trugen die Erreger zumindest zum Tod der Patienten bei.
Einst behandelbare Infektionen werden wieder tödlich Damit sind Antibiotika-Resistenzen inzwischen eine der häufigsten Todesursachen weltweit – es sterben mehr Menschen an resistenten Bakterien als an HIV oder Malaria. „Diese Daten enthüllen das wahre Ausmaß der antimikrobiellen Resistenzen“, sagt Murray. „Sie sind ein klares Signal, dass wir dringend gegen diese Bedrohung handeln müssen.“ Besonders schwer betroffen sind von dieser schleichenden Bedrohung Kinder unter fünf Jahren: Sie machen 20 Prozent aller Todesfälle durch resistente Keime aus.
Mit dem Siegeszug resistenter Bakterien werden Krankheiten wieder tödlich, die einst gut mit Antibiotika behandelt werden konnten. So sind der Studie zufolge bakterielle Lungenentzündungen die häufigste Ursache resistenzbedingter Todesfälle. Ihnen folgen gescheiterte Therapien der Sepsis – im Volksmund Blutvergiftung – sowie außer Kontrolle geratene Entzündungen im Bauchraum, meist als Folge einer Blinddarmentzündung.
Antikörper: Antibiotika vermindern Impfschutz bei Kleinkindern Je häufiger Kleinkinder bis zum Alter von 24 Monaten Antibiotika erhalten, desto geringer fallen die Antikörperlevel ihrer Schutzimpfungen aus. Die Ursache könnte im Darm liegen. https://www.spektrum.de/news/antibiotika...kindern/2014021
Multiresistente Keime: Langzeitschäden durch vermeintlich besiegte Infektion Eine Infektion mit multiresistenten Bakterien ist lebensbedrohlich, wirkt bei rund einem Drittel der Betroffenen aber auch noch nach, wenn die Bakterien erfolgreich besiegt sind. Ein Grund sind nachhaltig wirkende Gifte. https://www.spektrum.de/news/langzeitsch...fektion/1533881
MRSA-„Superkeim“ in Igeln entdeckt Finnische Stadtigel beherbergen multiresistente Bakterienstämme mit Pandemie-Potenzial Stacheliges Erreger-Reservoir: Igel gelten schon länger als Reservoire für resistente MRSA-Bakterien. Jetzt haben Forscher entdeckt, dass rund zehn Prozent der Igel im finnischen Helsinki einen besonders übertragbaren Stamm dieser gefürchteten Krankenhauskeime in sich tragen. Auch andere multiresistente Bakterien fanden sich in den Tieren. Ob und wie diese Erreger vom Menschen auf die Igel übergesprungen sind oder umgekehrt, ist noch unklar. https://www.scinexx.de/news/medizin/mrsa...igeln-entdeckt/
Multiresistente Keime: MRSA bildet in Haushalten eigenständige Populationen Der Erreger MRSA kann sich jahrelang in Haushalten festsetzen und dort eigenständige Populationen bilden. Ein Reservoir für seine Verbreitung? https://www.spektrum.de/news/mrsa-bildet...ationen/1336222
Stille Pandemie Weshalb man Antibiotika zurückhaltend einsetzen soll Die hochpotenten Mittel bieten wirksame Hilfe bei bakteriellen Infektionen. Doch weltweit werden Resistenzen mehr, das wird zunehmend problematisch
ZitatSeit die Antibiotika entdeckt wurden, geht es mit der Lebenserwartung bergauf. Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Med-Uni Wien nennt die Medikamente im Kampf gegen bakterielle Infektionen als eine von vier Errungenschaften, warum sich die Lebenserwartung hierzulande seit Ende des 19. Jahrhunderts verdoppelt hat – neben Zugang zu sauberem Trinkwasser, funktionierender Kanalisation und Impfungen. Doch die Potenz der Antibiotika gerät zunehmend unter Druck – denn Bakterien werden immer resistenter gegen die Medikamente.
Zitat Werden hochpotente Mittel aufgrund falscher Anwendung in Afrika wirkungslos, macht das auch vor den europäischen Grenzen nicht halt.
Die falsche oder nicht gezielte Anwendung ist ein wesentlicher Grund für diese Resistenzen. Hierzulande werden Antibiotika oft eingenommen, obwohl es medizinisch gar nicht nötig wäre, etwa bei Halsschmerzen. In acht von zehn Fällen sei dieser Behandlungsansatz der falsche, da es sich nicht um eine bakterielle Infektion handle, betont etwa das Pharmaunternehmen Reckitt – trotzdem bestehen immer noch viele Erkrankte auf einer Verschreibung beim Arzt.
ZitatUm das Problem in den Griff zu bekommen, seien mehrere Strategien nötig, sagt Mathias Pletz, Infektiologe am Universitätsklinikum Jena: "Ohne neue Substanzen wird es nicht gehen, da ist die Forschung massiv gefragt. Aber die vorhandenen Substanzen müssen auch klug eingesetzt werden, nämlich nicht zu lang und so gezielt wie möglich. Und wenn das Antibiotikum nicht wirkt, dann muss der Grund dafür eruiert werden. Das gilt im Globalen Süden, aber genauso bei uns."
Interessanterweise scheint zumindest bei Tieren Stress die Verbreitung von Antibiotika resistenten Bakterien zu fördern!
Antibiotika-Resistenzen bei Rindern sind abhängig von Aufzucht Kälber und Rinder aus Mastbetrieben sind häufiger mit antibiotikaresistenten E. coli-Bakterien belastet, also solche die im Herkunftsbetrieb aufwachsen. Ein Grund könnte Stress beim Transport sein. https://www.topagrar.com/rind/news/antib...t-13256821.html
Antibiotikaresistenzen: Kälber im Stress Im aktuellen Zoonosen-Monitoring wurden erneut resistente Keime bei jungen Rindern gefunden. Überraschend: Die Art der Haltung scheint hierbei einen großen Einfluss zu haben.
ZitatFür das Zoonosen-Monitoring wurden 299 Proben des Darminhalts von Mastkälbern und Jungrindern am Schlachthof untersucht. Das Ergebnis: Gut zwei Drittel der Proben (65 %) enthielten antibiotikaresistente ESBL/AmpC-bildende E. coli-Bakterien. Proben von Kälbern, die während ihrer Aufzucht in ihrem Geburtsbetrieb (Milchrinderbetrieb) verbleiben, waren dabei deutlich seltener belastet als diejenigen von Kälbern, die in Mastbetrieben aufgezogen werden.
Eine Frage der Haltung? Friedel Cramer, Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), dazu: „Die Ergebnisse zeigen, dass das Vorkommen von antibiotikaresistenten Keimen bei Kälbern stark davon abhängt, wie die Tiere aufgezogen werden. Um die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen in diesem Bereich einzudämmen, sollten die Tiere möglichst in Haltungssystemen gehalten werden, in denen sich offenbar weniger resistente Bakterien entwickeln.“
Antibiotikaresistenten Bakterien wurden in Proben von Kälbern, die in Milchrinderbetrieben aufgezogen wurden, zu 25,2 % und damit deutlich seltener nachgewiesen als in den Proben von Kälbern aus Mastkälberbetrieben (58,9 % positive Proben) und Mastrinderbetrieben (45,7 % positive Proben). Dieser Unterschied hängt möglicherweise damit zusammen, dass Kälber, die in Milchrinderbetrieben aufgezogen werden, im Gegensatz zu Tieren aus Mastkälber- oder Mastrinderbetrieben, während ihrer Aufzucht im Geburtsbetrieb verbleiben. Sie sind dadurch weniger Stress (z. B. durch Transporte) ausgesetzt, was mit weniger Erkrankungen und damit einer selteneren Behandlung mit Antibiotika einhergehen könnte. Zudem haben sie weniger bzw. keinen Kontakt zu Kälbern aus anderen Beständen. Dadurch könnte es zu einer geringeren Verbreitung von ESBL/AmpC-bildenden Bakterien kommen.
Und wer in der Nähe von Kliniken wohnt, sollte flussabwärts der Kläranlage das Wasser meiden...
Multiresistente Bakterien vermehrt in Abwässern aus Kliniken nachgewiesen Umfangreiche Studie zum Vorkommen von Acinetobacter in der Umwelt – Multiresistente Stämme überleben auch ohne Sauerstoff
ZitatGegen Antibiotika resistente Bakterien, oftmals landläufig auch als Krankenhauskeime bezeichnet, werden offenbar tatsächlich vor allem durch Kliniken in die Abwassersysteme eingeleitet, wie eine Studie des Instituts für Angewandte Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) zum Vorkommen von Acinetobacter-Bakterien nahelegt. Die Forscherinnen und Forscher wiesen Vertreter der Bakteriengattung zwar sowohl in landwirtschaftlichen, ländlichen und städtischen Proben nach – aber nur im Abwasser der städtischen Kläranlagen, die auch Krankenhausabwässer reinigen, konnten sie multiresistente Acinetobacter-Stämme nachweisen. Damit stellte das Team erstmals und systematisch deutliche Unterschiede zur Verbreitung von multiresistenten Acinetobacter-Bakterien in der Umwelt fest.
Die Zunahme von Antibiotikaresistenzen ist ein weltweites und immer drängenderes Problem. Mit dem „One Health“-Ansatz – also dem Zusammenwirken von Human- und Veterinärmedizin sowie den Umweltwissenschaften – soll die Resistenzausbreitung eingedämmt werden.